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Cannabis: Therapie mit Tücken

Seit März dürfen Ärzte Cannabisblüten als Arznei verordnen. Warum manche Experten das kritisch sehen und einen therapeutischen Rückschritt beklagen
von Barbara Kandler-Schmitt, 30.08.2017

Medizinalhanf: Die Blüten werden zerkleinert und verdampft oder abgekocht

W&B/André Kirsch, Lemrich, Getty Images/WIN-Initiative

Schwer kranke Patienten, bei denen andere Mittel nicht wirken, bekommen künftig Cannabisblüten und -extrakte in der Apotheke – natürlich nur zu medizinischen Zwecken und in standardisierter Qualität. Vorausgesetzt, der Arzt stellt eine entsprechende Diagnose und schreibt ein Betäubungsmittelrezept aus. Doch am "Joint aus der Apotheke" scheiden sich die Geister: für die einen längst überfällig, für viele Pharmazeuten und Mediziner ein therapeutischer Rückschritt.

Etwa, weil die medizinische Wirkung von Cannabis nicht ausreichend belegt ist. Oder weil bei schweren Krankheiten schon lange keine getrockneten Pflanzenteile mehr zum Einsatz kommen, deren Wirkstoffgehalt zu stark schwankt. Eine genauere Dosierung ermöglichen Extrakte, die auf einen bestimmten Gehalt standardisiert sind, oder isolierte Pflanzenwirkstoffe.

Dr. Michael Hörnig

W&B/Lemrich

"Den Cannabis-Wirkstoff Dronabinol setzen Ärzte seit Jahren mit Erfolg ein", betont Dr. Michael Hörnig, Leiter des Prüflaboratoriums des Deutschen Arzneimittel-Codex (DAC). "Die Blüten eignen sich allenfalls als Bestandteil von Rezeptur- und Fertigarzneimitteln, eher aber zur Gewinnung der Cannabis-Wirkstoffe, zu denen wir bereits Qualitätsvorschriften veröffentlicht haben."

Aufwändige Zubereitung für eine genaue Dosierung

Vor allem das Rauchen von Cannabis sehen Experten kritisch: "Beim Inhalieren variiert die aufgenommene Wirkstoffmenge so stark, dass eine gleichbleibende Dosierung nicht möglich ist", sagt Dr. Holger Reimann, Leiter des Pharmazeutischen Laboratoriums des Neuen Rezeptur-Formulariums, wie der DAC eine Einrichtung der Apothekerschaft. "Da die Gefahr einer Überdosierung groß ist, können rauschartige Zustände auftreten."

Um eine pharmazeutisch korrekte Anwendung und Dosierung der Blüten und Extrakte zu ermöglichen, hat Reimann mit seinem Team Rezepturvorschriften für Apotheken erarbeitet: Die Blüten werden zerkleinert, gesiebt und portionsweise in Briefchen abgepackt oder in kindergesicherten Döschen mit Dosierlöffel abgegeben. Die Patienten können die zerkleinerten Blüten mit dem Verdampfer inhalieren oder abkochen und als Tee trinken. Da die Wirkstoffe schlecht wasserlöslich sind, müssen die Blüten bis zu 30 Minuten gekocht werden. "Der Tee enthält eine begrenzte Wirkstoffmenge, sodass es nicht wie beim Inhalieren zu unkontrollierten Wirkstoffspitzen kommt", sagt Reimann. "Dieses Verfahren ist aber unwirtschaftlich. Und das Gebräu schmeckt scheußlich."

Dr. Holger Reimann

W&B/Lemrich

Verdacht auf Missbrauch melden

Vor der Abgabe von Cannabisblüten oder -zubereitungen müssen Apotheken zunächst deren Identität und Qualität überprüfen. Derzeit wird Medizinalhanf aus Holland und Kanada importiert. Zwar will die neu an der Bundesopiumstelle eingerichtete Cannabisagentur auch in Deutschland Flächen mit den Pflanzen bebauen lassen. Doch "wegen der hohen Anforderungen an die Produzenten ist die erste Ernte frühestens in zwei Jahren zu erwarten", sagt Reimann.

Vor der Abgabe vergewissert sich der Apotheker, ob der Patient weiß, wie er sein Medikament anwenden soll, und erstellt eine detaillierte Gebrauchsanweisung. Hinzu kommt die aufwendige Dokumentation. "Jeder Verdacht auf Medikationsfehler oder Falschanwendung sollte der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheker gemeldet werden", betont Reimann.

Fehlerträchtige Verschreibungen

Zudem sind die ärztlichen Verordnungen oft ergänzungsbedürftig: "Das Betäubungsmittelrezept muss Angaben zu Cannabissorte oder Wirkstoffgehalt sowie zur Dosierung und Anwendungsweise enthalten", sagt Reimann, der mit der Bundesapothekerkammer Musterverordnungen für Ärzte erstellt hat.

Nicht zuletzt wegen der fehlerträchtigen Verschreibungen würden viele Ärzte Fertigarzneien auf Cannabis-Basis bevorzugen. Davon gibt es in Deutschland aber derzeit nur zwei. Michael Hörnig bezweifelt, dass es mehr werden: "Da Cannabis-Fertigarzneimittel für Pharmafirmen wirtschaftlich unattraktiv sind, werden wohl künftig die meisten Präparate in der Apotheke angefertigt."



Bildnachweis: W&B/Lemrich, W&B/André Kirsch, Lemrich, Getty Images/WIN-Initiative

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