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Welche Arznei wann einnehmen?

Morgens, mittags oder abends? Ein Apotheker erklärt, wie Sie für Ihre Medikamente den optimalen Einnahmezeitpunkt finden
von Dr. Christian Heinrich, 27.12.2017

Tabletten: Der Zeitpunkt der Einnahme kann die Wirkung beeinflussen

istock/Svetlanais, W&B/Szczesny

Mitten im Gehirn, etwa auf Höhe der Augen, gut geschützt hinter den Schädelknochen, tickt eine Uhr. In der Fachsprache heißt sie suprachiasmatischer Kern. Er reguliert die Produktion des Botenstoffes Melatonin, der wiederum das Schlafbedürfnis beeinflusst. Dieser Kern ist nur eine von vielen inneren Uhren, die den Rhythmus des Körpers bestimmen – und die zum Teil die Effekte von Arzneimitteln steuern.

Wirkung kann vom Zeitpunkt der Einnahme abhängen

"Der Einnahmezeitpunkt hat bei einigen Medikamenten einen gewissen Einfluss darauf, wie gut und lange sie wirken", sagt Peter Erwied, Apotheker aus Daun in der Eifel. Er beschäftigt sich täglich mit der Materie; das Thema spielt bei der Beratung von Patienten immer wieder eine Rolle. Diabetiker zum Beispiel spritzen bei den Mahlzeiten abhängig von der Tageszeit mehr oder weniger Insulin, weil der körpereigene Taktgeber Kortison die Insulinempfindlichkeit beeinflusst.

Cholesterinsenker abends einnehmen

Ein weiteres Beispiel aus diesem Forschungsfeld: cholesterinsenkende Mittel. Die sogenannten Statine sollten am besten abends eingenommen werden, weil der Körper vor allem nachts Cholesterin bildet. Die Präparate entfalten also ihre Wirkung optimal, während der Patient schläft.

Doch nicht allein die innere Uhr bestimmt den idealen Einnahmezeitpunkt. Ausschlaggebend ist zudem, ob die Medikamente gemeinsam mit einer Mahlzeit oder nüchtern konsumiert werden.

Vor oder zum Essen?

So nimmt der Körper die Wirkstoffe von Schilddrüsenmitteln besser auf, wenn der Patient noch nichts im Magen hat. Deshalb schluckt man sie vorzugsweise bereits vor dem Frühstück mit einem Glas stillem Wasser. Parkinson-Arzneien entfalten ihre Effekte viel schlechter, wenn sie gemeinsam mit einer Mahlzeit oder kurz danach eingenommen werden. Dasselbe gilt für Antibiotika. Bei zahlreichen Wirkstoffen gegen Würmer und Malaria verhält es sich genau umgekehrt: Schluckt man diese mit fetthaltigem Essen, verwertet der Organismus sie besser.

Nebenwirkung Müdigkeit

Ein weiterer Aspekt, den es bei der Wahl des Einnahmezeitpunkts zu berücksichtigen gilt, sind die Nebenwirkungen. Zum Beispiel sollten antiallergische Präparate, sogenannte H1-Antagonisten, idealerweise abends konsumiert werden. Denn eine unerwünschte Nebenwirkung ist bei ihnen Müdigkeit.

Doch solche Aussagen sind laut Peter Erwied nur begrenzt allgemeingültig. Denn der Schlafrhythmus beispielsweise wird unter anderem auch stark vom Beruf des Patienten beeinflusst. Ein Fernfahrer, der manchmal die Nacht hindurch am Steuer sitzt, sollte natürlich ein Medikament, das müde macht, nicht generell abends einnehmen. Ebenso individuell sind die Essgewohnheiten. Die einen speisen spät, bei anderen kommt das Abendbrot schon um 18 Uhr auf den Tisch.

Empfehlung je nach individuellem Lebensrhythmus

"Im Grunde muss man das Leben und das Umfeld jedes Menschen zumindest in groben Zügen kennen, bevor man eine fundierte Empfehlung für die richtigen Zeitpunkte der Medikamenteneinnahme aussprechen kann", sagt Apotheker Erwied. Auch andere Krankheiten, zusätzliche Arzneimittel und sogar Faktoren wie die Jahreszeit oder die Anzahl der Sonnenstunden können eine Rolle spielen. Berücksichtigt man all dies bei der Einnahme von Medikamenten, kann so manche Behandlung optimiert werden.

Gewaltsam sollte dennoch kein Arzt oder Apotheker an der Uhr drehen. Etwa wenn Patienten schon seit Jahren zur immer gleichen Tageszeit ihre Medikamente einnehmen. "Bei zufriedenstellender Wirkung macht es manchmal mehr Sinn, alles so beizubehalten und den Organismus nicht aus seinem gewohnten Timing rauszureißen", sagt Erwied. Denn gelegentlich – auch das gehört zu den Erkenntnissen der Chronopharmakologie – haben sich die inneren Uhren im Laufe der Zeit auch den Arzneimitteln angepasst.



Bildnachweis: istock/Svetlanais, W&B/Szczesny

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